NBK Neuer Berliner Kunstverein
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Eran Schaerf - some time later

31. August bis 13. Oktober 2002
Eröffnung: 30. August 2002, 19 Uhr
 

Eran Schaerf hat der Ausstellung im NBK den übergreifenden und metaphern- reichen Titel ”some time later” gegeben. Wie in einem Film, einem Roman oder einer Erzählung werden scheinbar entfernte Elemente zusammengeführt, die sich als Installation wie eine Untersuchung über Medienlandschaften und Zeit lesen lässt. Die Arbeiten ”A Day in Between”, ”Die Stimme des Hörers”, ”Migrants & Variants”, ”More or Less (You Are My Life)” und ”Hausmitteilung” bilden jede für sich akustische oder visuelle Zonen, die durch die Verschränkung innerhalb der Ausstellung eine komplexe Kommunikationsstruktur freilegen, die durch das verwendete Material ebenso bestimmt wird, wie durch den gestaltenden Eingriff des Künstlers.

Für die Arbeit ”A Day in Between” werden alle unverkauften Tageszeitungen des Bahnhofskiosks in der Friedrichstraße in den NBK transportiert und nach Titeln geordnet für einen Tag ausgelegt, bevor sie in den Recyclingmaschinen verschwinden. Der Besucher ist mit einer täglich wechselnden Installation konfrontiert, er bekommt einen aktuellen Einblick in die Soziostruktur der Stadt und der angestrebten Öffentlichkeit, denn das Angebot ausländischer Zeitschriften z. B. orientiert sich an der Nachfrage. Ebenso werden neben den großen internationalen und nationalen Medien regionale Blätter geführt. Wer titelt mit welcher Nachricht? Sind die Neuigkeiten des Vortages tatsächlich so alt wie es behauptet wird? Mit welch unterschiedlichen Schriften, Papieren, Fotos werden wir über den Zustand der Welt informiert? So wie in früheren Werken ist in der hier erstmals realisierten großen Medieninstallation die Beziehung zwischen Wort und Ereignis angelegt, und so wird das durchgängige Prinzip eines ”work in progress” sofort fassbar.

In ”More or Less (You Are My Life)” hört der Besucher Om Kalthoum und die israelische Sängerin Zehava Ben, die eine coverversion des Liedes “Enta Omry” der ägyptischen Sängerin singt. Die einzigartige und berühmteste große Stimme der arabischen Welt, deren Bedeutung mindestens einer Maria Callas gleichkommt, wurde in den 90er Jahren in Israel neu aufgelegt und veranlasste eine Diskussion um die arabische Klassik in der sonst europäisch orientierten israelischen Musiklandschaft. Vor dem Hintergrund eines “blue key” verweist der Künstler auf die Fiktion eines gemeinsamen Konzerts.

Für ”Migrants & Variants” hat Eran Schaerf vier Diaprojektoren mit 80 Dias und 160 Textzeilen bestückt, die auf Drehbühnen installiert sind. Die projizierten flüchtigen Bilder und Worte sind der ersten Ausgabe des auf Sportmode spezialisierten britischen Magazins ”Line” entnommen. Die Modelinie des ehemaligen Tennisstars Björn Borg wurde dort vorgestellt, indem sehr junge, meist asiatische Models im urbanen Kontext Stockholms posieren, denen historische Aufnahmen des gleichen Ortes aus verschiedenen Zeiten zugeordnet werden. Die zugehörigen Texte legen eine eindeutige Lesart fest, indem sie die Vergangenheit als langweilig und abschätzend beschreiben, wohingegen in der neuen bunten Welt alles viel schöner (sogar das Wetter) und lebenswerter ist. (”This is where buildings from 1600s and 1700s blocked the way. Air and light were needed so that modern man could see and breathe. An army of bulldozers took care of that.”)

Das vom Bayerischen Rundfunk/Hörspiel und Medienkunst 2002 produzierte Hörspiel ”Die Stimme des Hörers” wird aus einem Ghettoblaster abgespielt. Zu hören ist ein von einem automatischen Moderator betriebener Rundfunksender für Höreranrufe. Das Software-Radio sendet auf Frequenzen, die von anderen Sendeanstalten erworben wurden. Finden sich keine Anrufer, schaltet der automatische Moderator auf Sendersuche um. Sie hören per Zufall gefundene Sendungen aus der Umgebung. Der Hörer ist also in diesem Falle Gestalter der Sendung. Beteiligt er sich nicht, wird das Programm vom Zufall gestaltet (Dauer 74 Min. 29 Sek.). Das vollständige Manuskript ist beim Katalogverkauf einsehbar. Für die “Stimme des Hörers” gestaltete Eran Schaerf ein Testbild, das für eine Sitzgelegenheit maßgeblich war und somit als Testraum erfahren werden kann. Die Sendeanstalten kaufen Testbilder, die technische Informationen enthalten, mit denen die Qualität der Übertragung gemessen wird. Jeder Sender versucht, ”sein” Testbild so zu gestalten, dass seine Identität gewahrt bleibt. Früher waren Testbilder Zuschauern durchaus geläufig, da sie in den Pausen ausgestrahlt wurden. Inzwischen werden Pausen bei den meisten Sendern durch Wiederholungen gefüllt und sind daher kaum mehr sichtbar. Das Testbild für ”Die Stimme des Hörers” basiert auf einem handelsüblichen Testbild, in das eine ”Leerstelle” für nicht-technische Daten eingebaut wurde.

Die Ausstellung setzt den aktiven Betrachter voraus, er wird Teil eines Arbeitsprozesses, eingebunden in ein Netzwerk von Vorgängen, in die er potentiell eingreifen kann und so die Abhängigkeit von Wahrnehmung im kulturellen und medialen Kontext vorstellt. ”some time later” ist eine weitere Installation, mit der Eran Schaerf neue Arbeiten auf Merkmale vorangegangener Arbeiten bezieht. Das selbstreferentielle System erweist sich wieder einmal als eine sich öffnende, fortschreitende Grundlage seines Werkbegriffs.

Zu unserer von Britta Schmitz kuratierten Ausstellung erscheint die zweisprachige (dt/engl) Publikation Blue Key im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln mit Texten von Hans-Christian Dany, Eva Meyer, Annelie Pohlen und Britta Schmitz zum Preis von ca. 29 €.
 

Hinweis:
Unsere Ausstellung, die in Kooperation mit dem Bonner Kunstverein entstand, wird dort vom 27. November 2002 bis 19. Januar 2003 gezeigt.