NBK Neuer Berliner Kunstverein
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Sturtevant

9. März - 21. April 2002
Eröffnung: 8. März, 19 Uhr
 

Vor genau einem Jahrzehnt fand die letzte große Ausstellung Sturtevants in Deutschland (im Württembergischen Kunstverein Stuttgart und in den Hamburger Deichtorhallen) statt. Damals schrieb Tilman Osterwold in seinem Katalogtext: »Vielleicht ist alles, was man über Sturtevants Werk schreibt, falsch. Vielleicht ist das gerade ihre Strategie.« Auch zehn Jahre später, nach einer folgerichtigen Weiterentwicklung ihres Werkes und einer überraschenden Erweiterung ihrer künstlerischen Mittel in den neuen Medien, sehen wir uns angesichts der neuen, in Berlin gezeigten Arbeiten der Künstlerin mit demselben Problem konfrontiert. 

Schon am Anfang ihrer Ausstellungstätigkeit Mitte der sechziger Jahre löste die heute in Paris lebende amerikanische Künstlerin lebhafte Kontroversen aus, als sie mit »Kopien« ihrer amerikanischen Generationsgenossen – Warhol, Johns, Oldenburg und Stella – debütierte. Die Anfertigung eines Duplikats mit dem Anspruch eines Originals war ein beispielloser Beitrag Sturtevants zum damaligen Diskurs, der die Massenhaftigkeit, Automatisierung und Entpersönlichung der Kunstproduktion thematisierte. Damit wurde sie Vorläuferin der späteren “Appropriation Art”, einer Kunstrichtung der achtziger Jahre wie sie von Mike Bidlo, Philip Taaffe und Sherrie Levine vertreten war.
 


Shifting Mental Structures, 2002, Collage

Als vorrangiges Ziel ihrer Kunstpraxis führte Sturtevant in einem Vortrag 1993 Folgendes an: »Meine Absichten sind: unsere gegenwärtige Vorstellung von Ästhetik zu erweitern und zu entwickeln, Originalität zu erforschen und die Beziehung von Original zu Originalität zu erkunden und Raum für neues Denken zu eröffnen.«  Gerade im Hinblick auf unsere Gegenwart, deren Wahrnehmung von zunehmender Virtualisierung geprägt ist, sowie im Kontext heutiger Kunstpraxis, deren »Strategien der Aneignung« ganz anderen Wertmaßstäben zugrunde liegen, sind Sturtevants theoretische und praktische Untersuchungen über den Dualismus von Original und Kopie, Objekt und Abbild, Gleichartigkeit und Differenz von eminenter Bedeutung. 

Mit ihren neuen, im NBK gezeigten Videoarbeiten – Dillinger Running Series (2000) und The Greening of America (2001) – zwingt uns Sturtevant, uns mit brennenden Fragen der heutigen Zeit auseinanderzusetzen: mit der Welt der Kybernetik und ihrer obsessiven Suche nach Unendlichkeit und Unsterblichkeit, mit der wachsenden Vorherrschaft der digitalen Bilder über reale Objekte, mit der Gefahr der Unordnung und Funktionsstörungen, mit der Bedrohung durch das Klonen (das heißt durch das Doppel). Aber anders als bei der Verwendung Johns, Warhol oder Stella, die nur dazu dienten, »den Abbildungscharakter der Kunst zu sprengen«, behalten die Videoinstallationen ihre Funktion bei, »Sichtbarkeit in Konkurrenz zur Artikulation zu treten«.

Mit den Dillinger Running Series greift Sturtevant auf ein Thema zurück, das bereits Beuys faszinierte und zu einer eigenen Arbeit inspirierte, auf den Mythos eines Raubmörders in Chicago der dreißiger Jahre. So wie sie sich 1992 in der berühmten Pose des Künstlerrevolutionärs Beuys (La rivoluzione siamo noi) fotografierte, schlüpfte sie nun in die Rolle des »public enemy number one« der Zeit der großen Wirtschaftsdepression in den USA. Auch ihre neueste Videoarbeit The Greening of America ist in diesem (amerika-) kritischen Kontext zu begreifen, als »Abhandlung über Exzesse, Beschränkung, Überschreitung und Erschöpfung«, wie die Künstlerin selbst formulierte.

Zur Ausstellung erscheint eine 112seitige Publikation in der Reihe Cantz des Stuttgarter Verlags mit Texten von Sturtevant, Bernard Blistène, Bruce Hainley und Alexander Tolnay zum Preis von EUR 12.