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Urban Collisions.
Zivilisatorische Konflikte im Medium Video
Pash Buzari • Maria Marshall • Zoran Naskovski • Maria Serebriakova
& Rudi Molacek • Uri Tzaig • Dmitry Vilensky
Eröffnung: Freitag, 10. Januar 2003, um 19 Uhr
Ausstellung: 11. Januar - 23. Februar 2003
Die erste Ausstellung des Jahres 2003 verzahnt künstlerische Positionen
im Medium Video aus Deutschland, England, Israel, Jugoslawien, Österreich
und Russland miteinander, die sich mit Verstößen gegen Regeln
und Werte innerhalb einer Zivilisation, aber auch mit Konflikten zwischen
den Zivilisationen beschäftigen. Schon durch die Benutzung der Vokabeln
„collisions“, „zivilisatorisch“ und „Konflikt“ stellt sich die Erwartung
ein, dass die Werke der Ausstellung sich — wie es weitgehend für die
Kunst seit den 90er Jahren kennzeichnend ist — im Kontext ihrer gesellschaftlichen
Umgebung verorten. Die Arbeiten verbindet dabei eine dem Thema adäquate
Metaphorik im Sinne der Reflexion auf die Möglichkeit der Kunst, durch
kontextuelle Verschiebungen und transitorische Prozesse alternative Denkstrukturen
zu befördern. Ihr Ausgangspunkt ist daher nicht der Glaube an den Wahrheitsgehalt
der Bilder, sondern vielmehr das Bewusstsein für ihre Reversibilität.
Somit ist die Herangehensweise an die soziokulturelle Fragestellung zum
Thema der zivilisatorischen Konflikte eine dezidiert konzeptuelle.
Pash Buzari arbeitet in seiner Videoinstallation walking through green
grass mit den Motiven von Autounfall und Verfolgungsjagd, indem er Zitate
aus einem Computerspiel mit Fragmenten aus David Cronenbergs Kinofilm Crash
von 1996 verschränkt. Die Grenzen der verschiedenen „Realitäten“
lösen sich dabei auf, so dass eine Kontinuität zwischen den Wirklichkeitsebenen
entsteht.
Die Arbeit When I grow up I want to be a cooker (1998) von Maria
Marshall zeigt einen kleinen Jungen — einen der Söhne der Künstlerin
— in slow motion, der genussvoll eine Zigarette raucht, wobei sich der Raum
in dem 19 Sekunden dauernden loop mit Rauch füllt, bis der kleine Junge
in diesem verschwunden ist. Die Tatsache, dass Maria Marshall den Konsum
von Suchtmitteln durch einen Zweijährigen in superästhetische Bilder
fasst, lässt die Verletzung einer gesellschaftlichen Norm umso deutlicher
hervortreten.
Zoran Naskovski wurde zu
seiner Arbeit Death in Dallas durch eine Plattenaufnahme zweier Guslaspieler
inspiriert, die ein traditionelles episches Volkslied über das Ereignis
des Attentats auf John F. Kennedy im November 1963 singen. Naskovski kombiniert
die Schallplattenaufnahme vom Lied der Guslaspieler auf der Bildebene mit
Dokumentaraufnahmen der Geschehnisse in Dallas, wie wir sie aus dem TV kennen.
Wie in einem Palimpsest kollidieren die verschiedenen Ebenen von Geschichtsschreibung
aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen miteinander.
Für die Arbeit Polka filmten Maria Serebriakova & Rudi
Molacek während einer Reise durch Mexiko in einem Hotel in Oaxaca eine
Gruppe von Volkstänzern in aufwändigen traditionellen Kostümen
mit gigantischem Feder-Kopfschmuck, die eine traditionelle Polka tanzen.
Für den europäischen Blick und ohne Kenntnis des historischen
Einflusses des französischen und vor allem des österreichischen
Adels auf die mexikanische Volksmusik scheinen sich hier zwei grundsätzlich
fremde kulturelle Elemente in absurder Weise zu mischen.
In Dmitry Vilenskys Eine Mark kommen Filmaufnahmen von einem Flohmarkt
in Frankfurt am Main zum Einsatz, in denen verschiedene Händler, vornehmlich
arabischer und türkischer Herkunft, ihre Waren durch kehliges Rufen
des Preises anbieten. Die Stimmen der Händler werden durch Tonmanipulationen
zu einem vielstimmigen Chor mit ritueller Anmutung. Der Blick der Kamera
bzw. der Akt des Sehens birgt einen gewissen Voyeurismus in sich, wobei uns
Vilensky zu Komplizen dieses penetrierenden Blicks auf den Anderen macht
und diesen gleichzeitig entlarvt.
Die Videoarbeit Infinity von Uri Tzaig kreist — wie es für
sein Werk typisch ist — um den Komplex der Aussetzung von alten und der
Schaffung von neuen Regeln für Spiele, insbesondere für den Sport.
Infinity basiert auf einer Performance, die er mit einer
professionellen Tanzgruppe in Montpellier inszeniert hat. Eine Gruppe von
zehn Männern und Frauen, alle in den gleichen roten Anzügen, spielt
einander einen Ball zu, ohne dass klare Regeln oder eine Einteilung der
Spieler in Mannschaften zu erkennen wären.
Zur Ausstellung Urban Collisions, mit der der Neue Berliner Kunstverein
eine neue Ausstellungsreihe seines Video-Forums beginnt, die sich ausschließlich
der Videokunst widmet, erscheint ein Katalog (deutsch-englisch, 64 Seiten)
mit zahlreichen Abbildungen sowie Texten von Kathrin Becker, Christoph Doswald,
Viktor Misiano, Zoran Naskovski, Robert Punkenhofer, Antje Weitzel und Mirjam
Wenzel.
Hinweis:
Während der Dauer der Ausstellung finden folgende Veranstaltungen
zur Videokunst in unserer Reihe „Treffpunkt NBK“ (jeweils mittwochs um 19
Uhr) statt:
29.01. „Einige Bemerkungen über den Nutzen methodologischer
und wissenschaftlicher Filme“ (in englischer Sprache) von Olga Egorova (St.
Petersburg / Berlin)
12.02. Angelika Richter und Barbara Thumm (Berlin) im Gespräch
über die Vermittlungsarbeit mit Videokunst
19.02. Antje Weitzel (Berlin), Mirjam Wenzel und Søren
Grammel (München): „Ethnographic Turn. Die Entdeckung der Wirklichkeit
in Kulturwissenschaft und Kunst der 90er Jahre“
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