NBK Neuer Berliner Kunstverein
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Haim Steinbach
North  East  South  West

13. Mai - 25. Juni 2000

Eröffnung: 12. Mai 2000, 19 Uhr
 

Der 1944 in Israel geborene, in New York lebende Künstler Haim Steinbach ist einer der bekanntesten amerikanischen Vertreter einer Kunstbewegung, die Ende der 70er Jahre und Anfang der 80er Jahre als Reaktion auf die vorherrschende neoexpressive Malereiwelle die Duchamp'sche Tradition aufgriff und den Alltagsobjekten in der Kunst skulpturale Attribute zuwies. Von Mitte der 80er Jahre bis heute nahm Steinbach an zahlreichen internationalen Großausstellungen teil, wie z. B. an der documenta IX oder „Metropolis" in Berlin. In den Werkgruppen, die den Künstler weltweit bekannt gemacht haben, verwendete er sorgfältig hergestellte Regale und darauf präzis plazierte, von Freunden entliehene oder in Läden gekaufte Gegenstände, die an ihrem neuen Standort, im Sinne von Robert Smithons Idee von „site" und „non-site", eine neue Bedeutung erhielten.

Der Titel der eigens für den NBK konzipierten Ausstellung „North East South West" resultiert aus einem gedanklichen Prozeß während der Vorbereitungsarbeit für unser Projekt über die Positionierung von geographisch definierten Orten, Identitäten und historischen Ereignissen. Steinbach, der von deutschen Eltern abstammt und sich zum ersten Mal auf dem Gebiet der ehemaligen DDR aufhielt, besuchte Familien sowohl in West- wie in Ost-Berlin, und führte dort Gespräche. Er fragte, woher die einzelnen Dinge stammen, welchen Stellenwert sie im Leben der Benutzer einnehmen und wie es zu dieser oder jener Zusammenstellung gekommen ist. Er nahm die Gespräche und die Objekte, auf die sich seine Fragen bezogen, auf Video auf und bat die Bewohner schließlich, diese Gegenstände für die Ausstellung auszuleihen. Im Gegensatz zu seinen früheren Projekten übertrug Steinbach nicht nur Einzelstücke, sondern gesamte Arrangements in den musealen Raum, denen er bereits in ihrer vorherigen Situation in den Wohnungen und den Entscheidungen ihrer Besitzer eine ästhetische, ja künstlerische Sensibilität zubilligt. Auf dieser Weise ist Steinbach gewissermaßen der Kurator einer Gruppenausstellung geworden, die aus von ihm gesammelten Sammlungen („collected collections") besteht. 

Die einzelnen Gruppierungen der Objekte stehen nicht nur zu ihrem Umraum in Bezug, sondern auch zu den anderen Gruppierungen. Diese Interaktion wird von den Bewegungsabläufen der Besucher in der speziell für die Ausstellungsarchitektur geschaffenen Baugerüststruktur (ein subtiler Hinweis auf die „Baustelle Berlin") unterstützt, die mit ihrer Komplexität Orientierungserfahrungen und Überraschungsmomente ermöglicht. Der beabsichtigte Gemeinschaftsaspekt der Berliner Arbeit liegt nicht nur in der Kommunikation zwischen den Objektgruppen untereinander, sondern auch in der vorangegangenen Kommunikation des Künstlers mit den Entleihern, die wiederum ihre gewohnten Gegenstände hier in einem neuen Beziehungsgeflecht erfahren können.

Es wäre allerdings ein Mißverständnis, Steinbachs Installation nur unter dem Blickwinkel soziologischer Annäherungen zu sehen. Bei allem aus diesem Gebiet eingebrachten Wissen und mancher wissenschaftlich anmutenden Methodik ist sie in erster Linie eine künstlerische Schöpfung, die sich zwischen systematisierender Ordnung und visueller wie inhaltlicher Poesie bewegt. Sie ist ein in klassischer Weise komponiertes Kunstwerk, dessen Aufbau entscheidend durch Relationen von Form, Farbe und Material der einzelnen Objektgruppen und der sie unterstützenden Architektur bestimmt ist.

Zur Ausstellung erscheint diesmal kein Begleitkatalog, sondern es wird eine Publikation in der Reihe Cantz des Stuttgarter Verlags herausgegeben, die auch die Berliner Installation dokumentiert.